Instandhalter mit Tablet an einer geöffneten Produktionsmaschine, auf dem Gehäuse liegen Werkzeug und Stoppuhr

MTBF und MTTR einfach erklärt: So messen Sie die Zuverlässigkeit Ihrer Anlage

7 Min. Lesezeit

Montagmorgen, Frühbesprechung. Die Produktionsleitung fragt, warum die Abfülllinie im letzten Monat so oft stand. Die Instandhaltung antwortet: „Eigentlich nur ein paar kleine Störungen.“ Die Schichtleitung sagt: „Gefühlt jeden zweiten Tag.“ Beide haben auf ihre Art recht – und keiner kann es belegen.

Genau hier helfen zwei Kennzahlen: MTBF und MTTR. Die eine zeigt, wie oft eine Anlage ausfällt. Die andere zeigt, wie lange es dauert, bis sie wieder läuft. Zusammen machen sie aus einem Bauchgefühl eine belastbare Aussage.

In diesem Artikel erfahren Sie, wie Sie MTBF und MTTR richtig berechnen, wie die beiden Werte mit Verfügbarkeit und OEE zusammenhängen und welche typischen Fehler die Zahlen wertlos machen. Ein fiktives Rechenbeispiel führt Sie Schritt für Schritt durch.

Was bedeuten MTBF und MTTR?

MTBF steht für „Mean Time Between Failures“, auf Deutsch mittlere Betriebsdauer zwischen zwei Ausfällen. Die Kennzahl beschreibt, wie lange eine reparierbare Anlage im Durchschnitt läuft, bevor sie wieder ausfällt. Je höher die MTBF, desto zuverlässiger die Anlage.

MTTR steht für „Mean Time To Repair“ oder – je nach Quelle – „Mean Time To Restoration“. Gemeint ist die mittlere Zeit, bis eine ausgefallene Anlage wieder funktionsfähig ist. Je niedriger die MTTR, desto schneller reagiert Ihre Instandhaltung und desto kürzer sind die Stillstände.

Die Begriffe der Instandhaltung sind in der DIN EN 13306 festgelegt. Dort wird zwischen der reinen Reparaturzeit und der gesamten Zeit bis zur Wiederherstellung unterschieden. Für die Praxis heißt das: Legen Sie intern verbindlich fest, welche Zeitanteile Sie in die MTTR einrechnen. Sonst vergleichen Sie Äpfel mit Birnen.

Abgrenzung: MTTF

Für Teile, die nicht repariert, sondern ausgetauscht werden, etwa ein Kugellager, eine Sicherung oder ein Relais, verwendet man die MTTF („Mean Time To Failure“): die mittlere Zeit bis zum ersten Ausfall. Die MTBF gilt für reparierbare Systeme wie eine Maschine, eine Pumpe oder eine ganze Linie.

Die Formeln: MTBF und MTTR berechnen

Beide Kennzahlen sind einfache Mittelwerte. Wichtig ist nur, dass Sie für denselben Betrachtungszeitraum und dieselbe Anlage rechnen.

  • MTBF = tatsächliche Betriebszeit ÷ Anzahl der Ausfälle
  • MTTR = Summe der Ausfallzeiten ÷ Anzahl der Ausfälle
  • Technische Verfügbarkeit = MTBF ÷ (MTBF + MTTR)
  • Ausfallrate λ = 1 ÷ MTBF (gilt unter der Annahme einer konstanten Ausfallrate)

Die tatsächliche Betriebszeit ist die geplante Betriebszeit abzüglich der Zeit, in der die Anlage wegen Ausfällen stand. Geplante Stillstände wie Wartung, Reinigung oder Wochenenden ohne Produktion zählen nicht als Betriebszeit und nicht als Ausfall.

Fiktives Rechenbeispiel: eine Abfülllinie im Monat

Nehmen wir eine Abfülllinie im Dreischichtbetrieb. Im betrachteten Monat sind 600 Stunden Produktion geplant. Die Instandhaltung erfasst fünf ungeplante Ausfälle mit diesen Stillstandszeiten:

Ausfall Ursache Stillstand
1 Sensor am Etikettierer verschmutzt 0,5 h
2 Motorschutzschalter am Förderband ausgelöst 1,0 h
3 Magnetventil an der Verschließstation defekt 2,5 h
4 Lagerschaden am Antrieb, Ersatzteil nicht im Lager 9,0 h
5 Steckverbindung gelockert 2,0 h
Summe 15,0 h

Daraus ergibt sich:

  1. Tatsächliche Betriebszeit = 600 h – 15 h = 585 h
  2. MTBF = 585 h ÷ 5 = 117 h
  3. MTTR = 15 h ÷ 5 = 3 h
  4. Technische Verfügbarkeit = 117 ÷ (117 + 3) = 0,975, also 97,5 %

Auf den ersten Blick sieht das gut aus. Doch die Tabelle verrät mehr als der Mittelwert: Ein einziger Ausfall – der Lagerschaden – verursacht mehr als die Hälfte der gesamten Stillstandszeit. Und der größte Teil davon war Warten auf das Ersatzteil, nicht die Reparatur selbst.

Der Mittelwert sagt Ihnen, dass es ein Problem gibt. Die Einzelwerte sagen Ihnen, wo es liegt.

Wie MTBF und MTTR mit der OEE zusammenhängen

Die OEE (Overall Equipment Effectiveness, Gesamtanlageneffektivität) ist die bekannteste Kennzahl für die Produktivität einer Anlage. Sie setzt sich aus drei Faktoren zusammen:

  • Verfügbarkeit: tatsächliche Laufzeit ÷ geplante Produktionszeit
  • Leistung: tatsächliche Ausbringung ÷ theoretisch mögliche Ausbringung in der Laufzeit
  • Qualität: Gutteile ÷ produzierte Teile

Die Formel lautet: OEE = Verfügbarkeit × Leistung × Qualität. Alle drei Faktoren werden als Anteil zwischen 0 und 1 eingesetzt.

Wichtig: Die Verfügbarkeit in der OEE ist nicht identisch mit der technischen Verfügbarkeit aus MTBF und MTTR. In die OEE-Verfügbarkeit fließen alle Stillstände ein, die während der geplanten Produktionszeit auftreten – also auch Rüstzeiten, Materialmangel oder fehlendes Personal. MTBF und MTTR betrachten dagegen nur technische Ausfälle.

OEE berechnen: Fortsetzung des Beispiels

Im fiktiven Beispiel kommen zu den 15 Stunden Ausfall noch 25 Stunden Formatwechsel und Reinigung während der geplanten Produktionszeit hinzu. Die Linie lief also 560 von 600 Stunden. Die Leistung lag bei 90 %, die Qualitätsrate bei 98 %.

  1. Verfügbarkeit = 560 h ÷ 600 h ≈ 93,3 %
  2. OEE = 0,933 × 0,90 × 0,98 ≈ 0,82, also rund 82 %

Für die Instandhaltung ist das eine nützliche Einordnung: Von den 40 Stunden Verfügbarkeitsverlust gehen 15 auf technische Ausfälle zurück. Wer die MTTR senkt, verbessert damit direkt die OEE – ohne an Rüstprozessen oder Qualität etwas zu ändern.

Was steckt in der MTTR? Die Zeit genau zerlegen

Die MTTR wirkt wie eine einzige Zahl. In Wirklichkeit setzt sie sich aus mehreren Phasen zusammen. Wer sie senken will, muss wissen, welche Phase am meisten Zeit kostet:

  1. Meldezeit: Vom Ausfall bis die Instandhaltung informiert ist.
  2. Reaktionszeit: Bis eine Fachkraft an der Anlage ist.
  3. Diagnose: Ursache finden, Fehlerspeicher auslesen, messen.
  4. Ersatzteilbeschaffung: Teil aus dem Lager holen oder – wenn es fehlt – beschaffen.
  5. Reparatur: Ausbau, Einbau, Einstellung.
  6. Wiederanlauf: Funktionsprüfung, Freigabe, Hochfahren der Linie.

In vielen Betrieben ist die eigentliche Reparatur die kürzeste Phase. Die meiste Zeit geht bei der Diagnose und beim Warten auf Ersatzteile verloren. Genau dort liegen deshalb die größten Hebel.

Die Datengrundlage: Störungen sauber erfassen

Kennzahlen sind nur so gut wie die Daten dahinter. Bevor Sie MTBF und MTTR berichten, sollte jede Störung mit denselben Mindestangaben erfasst werden:

  • Anlage und Baugruppe, möglichst mit eindeutiger Anlagennummer
  • Beginn und Ende des Stillstands mit Uhrzeit
  • Störungsbild und festgestellte Ursache
  • getauschte Teile mit Hersteller und Teilenummer
  • Wartezeiten, etwa auf Personal oder Ersatzteile, getrennt notiert

Ob Sie dafür ein Instandhaltungssystem, eine Tabelle oder zunächst ein Formular an der Anlage nutzen, ist zweitrangig. Wichtig ist, dass alle Schichten nach denselben Regeln erfassen.

So verbessern Sie MTBF und MTTR

MTBF erhöhen: seltener ausfallen

  • Ursachen statt Symptome beheben: Wiederkehrende Ausfälle mit einer Ursachenanalyse untersuchen, etwa mit der 5-Why-Methode oder einer FMEA.
  • Präventiv warten: Ein Wartungsplan mit sinnvollen Intervallen verhindert viele Ausfälle durch Verschleiß, fehlende Schmierung oder Verschmutzung.
  • Zustand überwachen: Schwingungsmessung, Thermografie oder Ölanalysen zeigen Schäden, bevor sie zum Stillstand führen.
  • Bedienfehler reduzieren: Klare Arbeitsanweisungen und Schulungen für das Bedienpersonal.

MTTR senken: schneller wieder laufen

  • Kritische Ersatzteile bevorraten: Teile mit langer Wiederbeschaffungszeit und hoher Ausfallwirkung gehören ins Lager.
  • Dokumentation griffbereit: Schaltpläne, Stücklisten und Typenschilddaten digital an der Anlage verfügbar machen.
  • Fehlerkataloge pflegen: Bekannte Störungen mit Ursache und Lösung festhalten, damit die nächste Schicht nicht von vorn sucht.
  • Beschaffungswege vorbereiten: Für Teile, die Sie nicht lagern, vorab klären, wo und wie Sie sie im Notfall bekommen.

Typische Fehler bei MTBF und MTTR

  • Kurze Störungen nicht erfasst: Wer nur Ausfälle über einer Stunde notiert, erhält eine geschönte MTBF. Legen Sie eine klare Mindestdauer fest und halten Sie sie ein.
  • Geplante Stillstände eingerechnet: Wartung und Reinigung sind keine Ausfälle. Sie verfälschen sonst beide Kennzahlen.
  • Zu kleine Datenbasis: Bei zwei Ausfällen im Jahr ist ein Mittelwert wenig aussagekräftig. Betrachten Sie längere Zeiträume oder mehrere gleichartige Anlagen.
  • Nur der Mittelwert: Ein einzelner langer Ausfall kann die MTTR stark verzerren. Schauen Sie immer auch auf die Einzelwerte.
  • Herstellerangaben missverstanden: Eine MTBF im Datenblatt, etwa bei einem Netzteil, ist ein statistischer Wert unter Laborbedingungen. Sie bedeutet nicht, dass jedes einzelne Gerät so lange hält.

Wenn Ersatzteile die MTTR bestimmen

Im Rechenbeispiel hat ein fehlendes Lager die MTTR mehr als verdoppelt. Das ist ein typisches Muster: Die Reparatur selbst dauert eine Stunde, die Suche nach dem passenden Teil einen halben Tag oder länger. Besonders schwierig wird es bei älteren Anlagen, bei abgekündigten Komponenten oder bei Teilen ausländischer Hersteller.

KTB Europe ist ein Familienunternehmen aus Hamburg und beschafft seit 1976 Ersatzteile und MRO-Material aller Marken weltweit. Sie schicken uns die Teilenummer, ein Foto des Typenschilds oder eine Beschreibung. Ist das Originalteil nicht mehr verfügbar, suchen wir nach passenden Alternativen. Wie Sie kritische Teile systematisch identifizieren und bevorraten, lesen Sie auf unserer Seite zum Ersatzteilmanagement. Für akute Fälle hilft unser Beitrag zur Ersatzteilbeschaffung im Notfall, und wie Sie Ausfälle vorbeugend verhindern, zeigt der Artikel Wartungsplan erstellen.

Sie suchen ein bestimmtes Teil? Senden Sie uns Ihre Anfrage über die Kontaktseite.

Fazit

MTBF und MTTR sind einfach zu berechnen und sehr aufschlussreich – vorausgesetzt, die Daten stimmen. Die MTBF zeigt, wie zuverlässig eine Anlage läuft. Die MTTR zeigt, wie schnell Ihre Organisation auf Ausfälle reagiert. Zusammen mit der OEE erkennen Sie, welcher Anteil der Verluste technisch bedingt ist. Beginnen Sie mit einer sauberen Störungserfassung, zerlegen Sie die MTTR in ihre Phasen und setzen Sie dort an, wo die meiste Zeit verloren geht.

Häufige Fragen

Wie berechnet man die MTBF?

Sie teilen die tatsächliche Betriebszeit einer Anlage durch die Anzahl der ungeplanten Ausfälle im selben Zeitraum. Läuft eine Maschine zum Beispiel 585 Stunden und fällt dabei fünfmal aus, beträgt die MTBF 117 Stunden. Geplante Stillstände wie Wartung oder Reinigung zählen weder als Betriebszeit noch als Ausfall.

Was ist der Unterschied zwischen MTBF und MTTR?

Die MTBF beschreibt, wie lange eine Anlage im Mittel zwischen zwei Ausfällen läuft, sie misst also die Zuverlässigkeit. Die MTTR beschreibt, wie lange es im Mittel dauert, bis eine ausgefallene Anlage wieder funktioniert. Eine hohe MTBF und eine niedrige MTTR sind das Ziel.

Was ist ein guter MTBF-Wert?

Einen allgemeingültigen Richtwert gibt es nicht, denn die MTBF hängt stark von Anlagentyp, Belastung und Erfassungsregeln ab. Aussagekräftig ist vor allem der Vergleich derselben Anlage über die Zeit oder gleichartiger Anlagen untereinander. Entscheidend ist, dass die Ausfälle immer nach denselben Regeln erfasst werden.

Wie hängen MTBF, MTTR und OEE zusammen?

Aus MTBF und MTTR lässt sich die technische Verfügbarkeit berechnen: MTBF geteilt durch die Summe aus MTBF und MTTR. Die OEE-Verfügbarkeit ist weiter gefasst und enthält zusätzlich Stillstände wie Rüstzeiten oder Materialmangel. Wer die MTTR senkt, verbessert damit auch die OEE.

Was bedeutet MTBF im Datenblatt eines Geräts?

Die MTBF in einem Datenblatt ist ein statistischer Wert, der unter festgelegten Bedingungen ermittelt oder berechnet wurde. Er beschreibt das mittlere Verhalten vieler Geräte, nicht die Lebensdauer eines einzelnen. Ein einzelnes Gerät kann deutlich früher oder später ausfallen.

MD

Über den Autor

Mica Duarte

Senior Procurement Specialist bei KTB Europe mit über 15 Jahren Erfahrung in globalem MRO-Sourcing und Supply-Chain-Management.

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