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In vielen Werken läuft sie seit zwanzig Jahren und länger, zuverlässig und unauffällig: die SIMATIC S7-300. Sie steuert Pressen, Abfüllanlagen, Kläranlagen, Förderstrecken. Die Instandhaltung kennt jede Baugruppe, die Programme sind gewachsen, die Ersatzteile liegen im Regal. Oder lagen dort.
Dann kommt die Nachricht, dass die S7-300 abgekündigt ist. Manche reagieren mit Gelassenheit („läuft doch“), andere mit Hektik („wir müssen sofort alles umbauen“). Beides ist selten die beste Antwort.
Dieser Artikel ordnet ein, was die Abkündigung der Siemens S7-300 bedeutet, welche Komponenten betroffen sind und wie Sie in drei Schritten zu einer belastbaren Entscheidung für Ihre Anlagen kommen.
Was genau ist passiert?
Siemens hat die SIMATIC S7-300 und die dezentrale Peripherie ET 200M zum 1. Oktober 2025 in den Lebenszyklus-Status PM410 überführt. PM410 bedeutet Produktabkündigung. Ursprünglich war dieser Meilenstein für den 1. Oktober 2023 geplant, er wurde verschoben.
Seit diesem Schritt werden die Produkte nicht mehr als Neuprodukte für Neuanlagen geliefert, sondern nur noch als Ersatzteil. Für bestehende Anlagen heißt das: Die S7 300 läuft weiter, und Ersatzteile sind nach dem Abkündigungsstatus grundsätzlich noch vorgesehen. Wie lange einzelne Artikel verfügbar bleiben, ist aber je Artikelnummer zu prüfen, nicht pauschal.
Abgekündigt heißt nicht „nicht mehr lieferbar“
Der häufigste Denkfehler: Abgekündigt wird mit „sofort nicht mehr erhältlich“ verwechselt. Tatsächlich beschreibt die Abkündigung eine Phase im Lebenszyklus. Das Produkt ist für Neuanlagen nicht mehr vorgesehen, die Versorgung bestehender Anlagen mit Ersatzteilen läuft aber zunächst weiter. Was sich ändert, ist die Planungssicherheit. Je weiter der Lebenszyklus fortschreitet, desto wichtiger wird es, eine Strategie zu haben. Grundlagen dazu finden Sie im Beitrag Obsoleszenzmanagement für abgekündigte Ersatzteile.
Welche Komponenten sind betroffen?
Betroffen ist das S7-300-System als Ganzes. Dazu gehören:
- CPUs der S7-300-Familie
- Ein- und Ausgabebaugruppen, digital und analog
- Kommunikationsbaugruppen
- Technologiebaugruppen, etwa für Zählen oder Positionieren
- Zubehör des Systems
- ET-200M-Interfacemodule der dezentralen Peripherie
Für Ihre Bewertung zählt deshalb nicht nur die CPU. Eine Anlage mit einer S7-300-CPU und mehreren ET-200M-Stationen ist an vielen Stellen betroffen.
Die Nachfolger: S7-1500, S7-1200, ET 200MP und ET 200SP
Siemens nennt als Nachfolger der S7-300 die S7-1500. Für kleinere Anwendungen kommt die S7-1200 in Frage. Bei der dezentralen Peripherie treten ET 200MP und ET 200SP an die Stelle der ET 200M. Programmiert werden die Nachfolger im TIA Portal.
Für die Instandhaltung bedeutet das: Ein Wechsel auf die S7-1500 ist kein Tausch Baugruppe gegen Baugruppe. Das vorhandene Programm muss in das TIA Portal überführt und für die neue Hardware angepasst werden. Wie groß der Aufwand ist, hängt stark von Umfang, Struktur und Dokumentation des Programms ab. Dazu kommen Hardwarekonfiguration, Verdrahtung, Kommunikation mit anderen Systemen und die erneute Inbetriebnahme.
Drei Strategien für bestehende Anlagen
| Strategie | Wann sinnvoll | Was Sie tun müssen |
|---|---|---|
| Weiterbetrieb mit Ersatzteilbevorratung | Anlage läuft stabil, Restlaufzeit überschaubar, Ausfall beherrschbar | kritische Baugruppen identifizieren und gezielt bevorraten, Programmsicherung aktuell halten |
| Schrittweise Migration | mehrere Anlagen, begrenzte Stillstandsfenster, Budget über Jahre verteilt | Reihenfolge nach Kritikalität festlegen, Migration in geplanten Stillständen |
| Komplette Migration | Anlage soll lange weiterlaufen, Umbau oder Erweiterung ohnehin geplant | Projekt mit Planung, Programmüberführung, Inbetriebnahme und Dokumentation |
In der Praxis kombinieren viele Betriebe diese Wege. Die wichtigste Anlage wird migriert, kleinere Anlagen laufen mit Ersatzteilbevorratung weiter, bis ein Umbau ohnehin ansteht.
Schritt 1: Bestandsaufnahme
Ohne Überblick keine Entscheidung. Erfassen Sie für jede Anlage mit SIMATIC S7-300:
- Alle Baugruppen mit vollständiger Artikelnummer und, soweit erkennbar, Ausgabe- bzw. Firmwarestand.
- Anzahl je Typ über alle Anlagen hinweg. Gleichteile sind ein Hebel für die Bevorratung.
- Vorhandene Ersatzteile im Lager, mit Zustand und Lagerort.
- Programmstand: Gibt es eine aktuelle, kommentierte Sicherung, die mit dem Stand in der Anlage übereinstimmt?
- Schnittstellen: Mit welchen Systemen kommuniziert die Steuerung, etwa Bediengeräte, Leitsystem, andere Steuerungen?
Für jede Artikelnummer prüfen Sie dann den aktuellen Lebenszyklus-Status und die Ersatzteilverfügbarkeit im Siemens Industry Online Support unter den Angaben zum Produktlebenszyklus. Dort ist der Stand je Artikel hinterlegt. Verlassen Sie sich nicht auf pauschale Aussagen, auch nicht auf Jahreszahlen aus zweiter Hand.
Schritt 2: Risiko bewerten
Nicht jede S7-300 ist gleich kritisch. Stellen Sie für jede Anlage drei Fragen:
- Was kostet ein Stillstand? Steht eine zentrale Linie oder eine Nebenanlage?
- Wie lange soll die Anlage noch laufen? Ein, fünf oder fünfzehn Jahre?
- Wie gut ist die Anlage beherrscht? Gibt es Fachleute im Haus, die das Programm verstehen, und eine aktuelle Dokumentation?
Eine Anlage mit hohen Stillstandsfolgen, langer geplanter Restlaufzeit und dünner Dokumentation gehört oben auf die Liste für eine Migration. Eine Nebenanlage, die in wenigen Jahren ohnehin ersetzt wird, kommt oft mit einer gezielten Bevorratung aus.
Typisches Szenario: zwei Linien, zwei Wege
Ein Betrieb hat zwei Abfülllinien mit S7-300. Linie A ist das Herzstück und soll noch viele Jahre laufen. Linie B wird in absehbarer Zeit durch eine neue Maschine ersetzt. Für Linie A plant der Betrieb die Migration auf eine S7-1500 im nächsten großen Stillstand. Für Linie B werden die kritischen Baugruppen bevorratet, darunter CPU, Netzteil und die am häufigsten belasteten Ausgabebaugruppen. Beide Entscheidungen sind richtig, weil sie zur jeweiligen Anlage passen.
Schritt 3: Ersatzteile sichern und Migration planen
Wenn Sie weiterbetreiben
- Bevorraten Sie zuerst die Baugruppen, deren Ausfall die Anlage sofort stoppt, meist CPU, Stromversorgung, Kommunikationsbaugruppen und häufig belastete E/A-Baugruppen.
- Achten Sie auf den Ausgabe- bzw. Firmwarestand. Eine Ersatz-CPU sollte zum Projekt passen.
- Prüfen Sie Ersatzteile im Lager regelmäßig auf Vollständigkeit und Zustand, und halten Sie Speicherkarten und Pufferbatterien bereit, soweit Ihre CPUs sie nutzen.
- Sichern Sie das Programm nach jeder Änderung und bewahren Sie die Sicherung getrennt von der Anlage auf.
Wenn Sie migrieren
- Planen Sie früh, nicht erst nach dem nächsten Ausfall. Ein Migrationsprojekt unter Zeitdruck ist teuer und fehleranfällig.
- Nutzen Sie geplante Stillstände für den Umbau.
- Bewahren Sie ausgebaute, funktionsfähige S7-300-Baugruppen auf. Sie können Ersatz für Anlagen sein, die noch nicht migriert sind.
- Aktualisieren Sie Schaltpläne, Ersatzteillisten und das Programmarchiv nach der Migration.
Wie Sie Ersatzteile systematisch nach Kritikalität bevorraten, lesen Sie auch in der Checkliste Schaltschrank: 10 Ersatzteile, die Sie immer auf Lager haben sollten.
Typische Fehler im Umgang mit der Abkündigung
- Abwarten bis zum Ausfall: Dann wird aus einer planbaren Entscheidung ein Notfall.
- Nur die CPU betrachten: E/A-, Kommunikations- und ET-200M-Baugruppen sind genauso betroffen.
- Kein aktuelles Programm: Ohne Sicherung, die zum Anlagenstand passt, ist weder ein Baugruppentausch noch eine Migration sicher.
- Pauschale Jahreszahlen übernehmen: Die Verfügbarkeit ist je Artikelnummer zu prüfen.
- Ungeprüfte Ersatzteile verbauen: Achten Sie bei Ersatzteilen aus anderen Quellen auf Herkunft, Zustand und passenden Ausgabestand.
Woran Sie ein brauchbares Ersatzteil erkennen
Je weiter der Lebenszyklus fortschreitet, desto häufiger kommen Baugruppen aus unterschiedlichen Quellen. Umso wichtiger ist der Blick auf das einzelne Teil. Prüfen Sie beim Wareneingang mindestens diese Punkte:
- Artikelnummer: Stimmt sie vollständig mit der Bestellung überein, Stelle für Stelle?
- Ausgabestand: Passt er zu Ihrem Projekt, oder ist eine Anpassung der Hardwarekonfiguration nötig?
- Zustand: Gehäuse, Steckverbinder und Kontakte ohne Beschädigung, Korrosion oder Spuren von Überhitzung.
- Verpackung und Kennzeichnung: nachvollziehbare Herkunft, Beschriftung und Typenschild unverändert.
Bauen Sie eine Ersatzbaugruppe nach Möglichkeit einmal probeweise in einer geplanten Stillstandszeit ein. Dann wissen Sie vorher, ob sie im Ernstfall funktioniert.
Was Sie bei einer Anfrage angeben sollten
Bei S7-300-Baugruppen ist die vollständige Artikelnummer entscheidend, also die komplette Nummer, die mit 6ES7 beginnt, einschließlich aller Stellen. Dazu kommen der Ausgabe- bzw. Firmwarestand, ein Foto der Gerätebeschriftung, die benötigte Menge und die Angabe, ob ein anderer Ausgabestand akzeptabel ist. Die Checkliste für die Ersatzteilanfrage fasst die wichtigsten Punkte zusammen.
Wenn Baugruppen knapp werden
Für abgekündigte Steuerungsbaugruppen braucht es oft mehr als einen Bezugsweg. KTB Europe ist ein Familienunternehmen aus Hamburg und beschafft seit 1976 Industrie-Ersatzteile aller Marken weltweit. Sie schicken uns die Artikelnummern Ihrer S7-300-Komponenten, ein Typenschildfoto oder eine Liste aus Ihrer Bestandsaufnahme. Wir suchen die Teile und prüfen sie in unserem eigenen Zentrallager. Ist ein Teil nicht mehr zu bekommen, suchen wir nach Alternativen.
Mehr dazu auf unseren Seiten zu abgekündigten Teilen und zum Ersatzteilmanagement. Ihre Anfrage stellen Sie über die Kontaktseite.
Fazit
Die Siemens S7-300 ist seit dem 1. Oktober 2025 abgekündigt und wird nur noch als Ersatzteil geliefert. Für bestehende Anlagen ist das kein Grund zur Panik, aber ein klarer Anlass zur Planung. Erfassen Sie Ihren Bestand, prüfen Sie die Verfügbarkeit je Artikelnummer, bewerten Sie jede Anlage nach Risiko und Restlaufzeit. Dann entscheiden Sie bewusst zwischen Weiterbetrieb mit Bevorratung, schrittweiser Migration auf S7-1500 oder S7-1200 und kompletter Umstellung.
Häufige Fragen
Ist die Siemens S7-300 abgekündigt?
Ja. Siemens hat die SIMATIC S7-300 und die ET 200M zum 1. Oktober 2025 in den Lebenszyklus-Status PM410 überführt, also die Produktabkündigung. Seitdem werden die Produkte nicht mehr als Neuprodukte für Neuanlagen geliefert, sondern nur noch als Ersatzteil.
Was bedeutet der Status PM410?
PM410 steht im Siemens-Lebenszyklus für die Produktabkündigung. Das Produkt ist nicht mehr für Neuanlagen vorgesehen und wird nur noch als Ersatzteil geliefert. Wie lange einzelne Artikel verfügbar bleiben, prüfen Sie je Artikelnummer im Siemens Industry Online Support.
Was ist der Nachfolger der S7-300?
Siemens nennt die S7-1500 als Nachfolger, für kleinere Anwendungen die S7-1200. Bei der dezentralen Peripherie lösen ET 200MP und ET 200SP die ET 200M ab. Die Nachfolger werden im TIA Portal programmiert, das bestehende Programm muss dafür überführt und angepasst werden.
Muss ich meine S7-300-Anlage jetzt sofort umbauen?
Nicht zwingend. Bestehende Anlagen laufen weiter, und Baugruppen werden als Ersatzteil geliefert. Sinnvoll ist eine Bestandsaufnahme mit Risikobewertung je Anlage. Danach entscheiden Sie, ob gezielte Ersatzteilbevorratung reicht oder eine schrittweise oder komplette Migration geplant werden sollte.
Welche Angaben brauche ich, um S7-300-Ersatzteile anzufragen?
Entscheidend ist die vollständige Artikelnummer der Baugruppe mit allen Stellen, dazu der Ausgabe- oder Firmwarestand und die benötigte Menge. Ein Foto der Gerätebeschriftung hilft, Abschreibfehler zu vermeiden. Geben Sie außerdem an, ob ein anderer Ausgabestand für Ihre Anlage akzeptabel ist.
Über den Autor
Mica Duarte
Senior Procurement Specialist bei KTB Europe mit über 15 Jahren Erfahrung in globalem MRO-Sourcing und Supply-Chain-Management.
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