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Audit in der Qualitätssicherung. Der Auditor nimmt einen Drehmomentschlüssel aus dem Schrank und fragt: „Wann wurde der zuletzt kalibriert?“ Die Plakette ist abgerieben, der Kalibrierschein nicht auffindbar. Aus einer einfachen Frage wird eine Abweichung – und plötzlich steht die Frage im Raum, ob alle Schraubverbindungen der letzten Monate in Ordnung sind.
Kalibrierung klingt nach Formalität. In Wirklichkeit entscheidet sie darüber, ob Sie Ihren Messwerten trauen können. Ein Manometer, das falsch anzeigt, ein Thermometer mit Drift oder ein Messschieber mit Abweichung führen zu falschen Entscheidungen in Produktion und Instandhaltung.
In diesem Ratgeber erfahren Sie, worin sich Kalibrierung, Eichung und Justierung unterscheiden, wie oft Sie Messmittel kalibrieren sollten, wer das darf und welche Nachweise die gängigen Normen von Ihnen als Anwender erwarten.
Kalibrierung, Eichung, Justierung: drei verschiedene Dinge
Im Betriebsalltag werden die drei Begriffe oft vermischt. Fachlich bedeuten sie etwas ganz anderes:
| Begriff | Was passiert? | Eingriff am Gerät? | Wer? |
|---|---|---|---|
| Kalibrierung | Vergleich mit einem genaueren Normal, Abweichung wird festgestellt und dokumentiert | nein | internes Labor oder externer Kalibrierdienst |
| Justierung | Einstellen oder Abgleichen des Geräts, damit die Abweichung möglichst klein wird | ja | Fachpersonal, Hersteller oder Kalibrierdienst |
| Eichung | Gesetzlich vorgeschriebene Prüfung, ob ein Messgerät die Anforderungen erfüllt | nein, Prüfung und Kennzeichnung | Eichbehörden oder staatlich anerkannte Prüfstellen |
Kalibrierung
Beim Kalibrieren vergleichen Sie die Anzeige Ihres Messmittels mit einem Referenznormal, dessen Genauigkeit bekannt und rückführbar ist. Das Ergebnis ist eine dokumentierte Abweichung, im Idealfall mit Angabe der Messunsicherheit. Am Messmittel selbst wird nichts verändert. Ob die Abweichung akzeptabel ist, entscheiden Sie anhand Ihrer Toleranzvorgaben.
Justierung
Ist die Abweichung zu groß, kann das Messmittel justiert werden – also so eingestellt, dass es wieder richtig anzeigt. Wichtig ist die Reihenfolge: Erst wird kalibriert („wie gefunden“), dann justiert, dann erneut kalibriert („wie hinterlassen“). Nur so wissen Sie, wie groß die Abweichung vor dem Eingriff war und ob frühere Messungen betroffen sein könnten.
Eichung
Die Eichung ist ein hoheitlicher Vorgang. Sie ist in Deutschland durch das Mess- und Eichgesetz (MessEG) und die Mess- und Eichverordnung geregelt und betrifft Messgeräte, die etwa im geschäftlichen Verkehr verwendet werden – zum Beispiel eine Waage, nach deren Anzeige abgerechnet wird. Für die meisten Messmittel in Produktion und Instandhaltung ist keine Eichung, sondern eine Kalibrierung erforderlich.
Was die Normen von Ihnen als Anwender verlangen
ISO 9001, Abschnitt 7.1.5
Wenn Ihr Unternehmen ein Qualitätsmanagementsystem nach ISO 9001 betreibt, regelt Abschnitt 7.1.5 „Ressourcen zur Überwachung und Messung“ den Umgang mit Messmitteln. Ist messtechnische Rückführbarkeit gefordert, müssen Messmittel unter anderem:
- in festgelegten Abständen oder vor der Verwendung kalibriert und/oder verifiziert werden – gegen Normale, die auf internationale oder nationale Normale rückführbar sind,
- so gekennzeichnet sein, dass ihr Status erkennbar ist,
- vor Justierungen, Beschädigung oder Verschlechterung geschützt werden, die das Ergebnis ungültig machen würden.
Stellt sich heraus, dass ein Messmittel nicht geeignet war, müssen Sie prüfen, ob frühere Messergebnisse beeinträchtigt sind, und gegebenenfalls Maßnahmen ergreifen. Genau das war im Eingangsbeispiel das eigentliche Problem.
DIN EN ISO 10012
Die DIN EN ISO 10012 beschreibt Anforderungen an Messmanagementsysteme, also an Messprozesse und Messmittel. Sie geht in der Systematik weiter als ISO 9001 und eignet sich als Leitfaden, wenn Sie Ihre Prüfmittelüberwachung strukturiert aufbauen wollen.
DIN EN ISO/IEC 17025 und DAkkS
Die DIN EN ISO/IEC 17025 legt Anforderungen an die Kompetenz von Prüf- und Kalibrierlaboratorien fest. In Deutschland akkreditiert die Deutsche Akkreditierungsstelle (DAkkS) Labore nach dieser Norm. Ein DAkkS-Kalibrierschein belegt, dass das Labor für den jeweiligen Messbereich seine Kompetenz nachgewiesen hat und die Rückführung auf nationale Normale sichergestellt ist.
Welcher Kalibrierschein ist der richtige?
- Akkreditierter Kalibrierschein (DAkkS): Höchste Aussagekraft, mit Messunsicherheit und dokumentierter Rückführung. Sinnvoll für Referenznormale, kritische Messmittel und wenn Kunden oder Regelwerke es verlangen.
- Werkskalibrierschein: Vom Hersteller oder einem nicht akkreditierten Labor ausgestellt. Für viele Betriebsmessmittel ausreichend, sofern die Rückführbarkeit nachvollziehbar dokumentiert ist.
- Interne Kalibrierung: Mit eigenen, regelmäßig extern kalibrierten Referenzen. Wirtschaftlich bei vielen gleichartigen Messmitteln, verlangt aber geschultes Personal und eine dokumentierte Vorgehensweise.
Welche Variante Sie wählen, hängt von der Bedeutung der Messung ab. Ein Messschieber in der Endkontrolle braucht einen anderen Nachweis als ein Manometer, das nur zur groben Orientierung dient.
Was auf einem Kalibrierschein stehen sollte
Ein Kalibrierschein ist nur dann ein brauchbarer Nachweis, wenn er das Messmittel eindeutig zuordnet und die Ergebnisse nachvollziehbar macht. Prüfen Sie beim Eingang mindestens diese Angaben:
- eindeutige Identifikation des Messmittels, etwa Seriennummer oder Inventarnummer
- Datum der Kalibrierung und ausstellendes Labor
- verwendete Normale und Hinweis auf deren Rückführung
- Umgebungsbedingungen, zum Beispiel Temperatur
- Messpunkte mit Soll- und Istwert sowie Abweichung
- Messunsicherheit der Kalibrierung
- bei Justierung: Werte vor und nach dem Eingriff
Messunsicherheit und Toleranz zusammen betrachten
Ein häufiger Denkfehler: Die Abweichung liegt knapp innerhalb der Toleranz, also ist alles in Ordnung. Ist aber die Messunsicherheit der Kalibrierung im Verhältnis zur Toleranz groß, lässt sich nicht sicher sagen, ob das Messmittel die Anforderung tatsächlich erfüllt. Legen Sie deshalb fest, wie Sie mit Ergebnissen nahe der Toleranzgrenze umgehen – zum Beispiel durch ein kürzeres Intervall oder eine Justierung.
Wie oft müssen Messmittel kalibriert werden?
Eine allgemein vorgeschriebene Frist gibt es nicht. Die Normen verlangen „festgelegte Abstände“ – festlegen müssen Sie diese selbst. Ein Jahr ist ein verbreiteter Startwert, aber keine Regel. Entscheidend sind:
- Herstellerempfehlung für das jeweilige Messmittel
- Nutzungshäufigkeit und Belastung, etwa Stöße, Vibration, Temperaturschwankungen
- Bedeutung der Messung für Produktqualität und Sicherheit
- Kalibrierhistorie: Lag das Messmittel über mehrere Kalibrierungen stabil in der Toleranz, kann das Intervall verlängert werden. Gab es Ausreißer, sollte es verkürzt werden.
- Vorgaben von Kunden, Branchenregelwerken oder Behörden
Zusätzlich zur Kalibrierung sind kurze Zwischenprüfungen sinnvoll, etwa eine Prüfung des Messschiebers mit einem Endmaß vor wichtigen Messungen. Nach einem Sturz oder sichtbaren Schaden gehört ein Messmittel sofort aus dem Verkehr und zur Prüfung.
Beispiel: Intervall anhand der Historie anpassen
Ein Betrieb kalibriert seine Druckmessumformer zunächst jährlich. Über mehrere Kalibrierungen liegen fast alle Geräte stabil und deutlich innerhalb der Toleranz – bis auf zwei, die an einer Pumpe mit starken Druckstößen sitzen und jedes Mal nahe der Grenze landen. Die Konsequenz: Für die stabilen Geräte wird das Intervall begründet verlängert, für die beiden belasteten Messstellen verkürzt. Die Begründung wird in der Messmittelkartei dokumentiert.
Prüfmittelüberwachung in 6 Schritten
- Erfassen: Alle Messmittel mit eindeutiger Nummer in einer Messmittelkartei oder Software anlegen – mit Typ, Messbereich, Standort und Verantwortlichem.
- Einstufen: Festlegen, welche Messmittel überwachungspflichtig sind und welche nur als Orientierung dienen. Letztere deutlich kennzeichnen.
- Toleranzen festlegen: Für jedes Messmittel definieren, welche Abweichung zulässig ist.
- Intervalle planen: Kalibriertermine festlegen und automatisch erinnern lassen.
- Kennzeichnen: Prüfplakette mit nächstem Termin am Messmittel, Kalibrierschein im System hinterlegt.
- Abweichungen behandeln: Bei Überschreitung Messmittel sperren, Auswirkungen auf frühere Messungen bewerten, justieren, reparieren oder ersetzen.
Typische Fehler in der Praxis
- Kalibrieren ohne Toleranz: Ein Kalibrierschein zeigt eine Abweichung. Ohne eigene Toleranzvorgabe weiß niemand, ob sie akzeptabel ist.
- Nur justieren, nicht dokumentieren: Ohne den Wert „wie gefunden“ lässt sich nicht bewerten, ob frühere Messungen betroffen sind.
- Private Messmittel: Eigene Werkzeuge der Mitarbeiter sind oft nicht erfasst und werden trotzdem für Prüfungen genutzt.
- Messbereich falsch gewählt: Ein Manometer, das ständig am unteren Ende seiner Skala abgelesen wird, misst ungenau. Das gilt auch für die Auswahl beim Neukauf.
- Abgelaufene Messmittel im Umlauf: Klare Regeln, wer gesperrte Messmittel einsammelt, verhindern versehentliche Nutzung.
Wenn ein Messmittel ersetzt werden muss
Manchmal ist eine Justierung nicht mehr möglich oder unwirtschaftlich. Dann muss ein neues Messmittel her – im Idealfall baugleich, damit Prüfanweisungen, Anschlüsse und Messbereiche unverändert bleiben. Bei älteren oder ausländischen Fabrikaten ist das nicht immer einfach.
KTB Europe ist ein Familienunternehmen aus Hamburg und beschafft seit 1976 Ersatzteile und MRO-Material aller Marken weltweit, darunter auch Messgeräte wie Manometer, Thermometer oder Sensoren. Schicken Sie uns die Teilenummer, ein Typenschildfoto oder eine Beschreibung. Ist das Originalgerät nicht mehr erhältlich, suchen wir nach passenden Alternativen. Mehr dazu auf unserer Seite zur MRO-Beschaffung. Worauf Sie beim Kauf eines Druckmessgeräts achten sollten, lesen Sie im Artikel Manometer kaufen, und wie Sie Prüftermine in die Instandhaltung einbinden, zeigt der Beitrag Wartungsplan erstellen.
Sie suchen ein bestimmtes Messgerät? Senden Sie uns Ihre Anfrage über die Kontaktseite.
Fazit
Kalibrierung stellt fest, wie genau ein Messmittel misst. Justierung korrigiert es. Eichung ist eine gesetzliche Prüfung für bestimmte Anwendungen. Wer diese Begriffe sauber trennt, Intervalle begründet festlegt und jede Abweichung dokumentiert, besteht nicht nur Audits, sondern kann sich auch im Alltag auf seine Messwerte verlassen. Beginnen Sie mit einer vollständigen Liste Ihrer Messmittel – oft ist das schon der größte Schritt.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen Kalibrierung und Eichung?
Bei der Kalibrierung wird die Abweichung eines Messmittels gegenüber einem genaueren Normal festgestellt und dokumentiert. Die Eichung ist dagegen eine gesetzlich vorgeschriebene Prüfung nach dem Mess- und Eichgesetz, die nur Eichbehörden oder staatlich anerkannte Prüfstellen durchführen. Sie betrifft vor allem Messgeräte im geschäftlichen Verkehr, etwa Waagen für die Abrechnung.
Was bedeutet Justieren?
Justieren heißt, ein Messmittel so einzustellen oder abzugleichen, dass seine Abweichung möglichst gering wird. Anders als beim Kalibrieren wird also in das Gerät eingegriffen. Sinnvoll ist die Reihenfolge kalibrieren, justieren, erneut kalibrieren, damit der Zustand vor und nach dem Eingriff dokumentiert ist.
Wie oft muss man Messmittel kalibrieren?
Eine feste gesetzliche Frist für alle Messmittel gibt es nicht. Sie legen das Intervall selbst fest, abhängig von Herstellerempfehlung, Nutzung, Bedeutung der Messung und Kalibrierhistorie. Ein Jahr ist ein verbreiteter Startwert, der je nach Ergebnissen verlängert oder verkürzt wird.
Was ist ein DAkkS-Kalibrierschein?
Ein DAkkS-Kalibrierschein stammt von einem Labor, das die Deutsche Akkreditierungsstelle nach DIN EN ISO/IEC 17025 akkreditiert hat. Er enthält die Messergebnisse mit Messunsicherheit und belegt die Rückführung auf nationale Normale. Er ist besonders für Referenznormale und kritische Messungen sinnvoll.
Schreibt ISO 9001 eine DAkkS-Kalibrierung vor?
Nein, ISO 9001 verlangt in Abschnitt 7.1.5, dass Messmittel bei geforderter Rückführbarkeit gegen rückführbare Normale kalibriert oder verifiziert, gekennzeichnet und geschützt werden. Eine Akkreditierung des Kalibrierlabors ist dort nicht ausdrücklich gefordert. Kunden oder Branchenregelwerke können sie aber verlangen.
Über den Autor
Mica Duarte
Senior Procurement Specialist bei KTB Europe mit über 15 Jahren Erfahrung in globalem MRO-Sourcing und Supply-Chain-Management.
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