Techniker stellt mit einem Schraubendreher den Stromwert an einem Motorschutzschalter im Schaltschrank ein

Motorschutzschalter einstellen: So finden Sie den richtigen Wert

8 Min. Lesezeit

Die Pumpe im Kühlkreislauf hat in dieser Woche schon dreimal abgeschaltet. Jedes Mal hat der Motorschutzschalter ausgelöst. Beim dritten Mal dreht jemand das Einstellrad ein Stück weiter nach rechts. Danach ist Ruhe – bis die Wicklung einige Monate später durchbrennt.

Dieses Szenario ist typisch. Ein falsch eingestellter Motorschutzschalter schützt entweder nicht oder er löst ständig aus. Beides kostet Zeit und Geld. Dabei ist der richtige Wert in den meisten Fällen schnell gefunden: Er steht auf dem Typenschild des Motors.

Dieser Artikel zeigt Schritt für Schritt, wie Sie einen Motorschutzschalter einstellen, welche Sonderfälle es gibt und was Sie tun sollten, wenn er trotz korrekter Einstellung immer wieder auslöst.

Wichtiger Hinweis vorab

Einstellen, Prüfen und Tauschen von Motorschutzschaltern sind Arbeiten an elektrischen Anlagen. Sie dürfen nur von Elektrofachkräften oder unter deren Leitung ausgeführt werden. Grundlage sind die DGUV Vorschrift 3 und DIN VDE 0105-100. Die Angaben im Datenblatt des Schalter- und des Motorherstellers gehen den allgemeinen Hinweisen in diesem Artikel immer vor.

Wie ein Motorschutzschalter funktioniert

Ein Motorschutzschalter vereint zwei Schutzfunktionen in einem Gerät:

  • Überlastschutz: Ein thermisch verzögerter Auslöser, klassisch ein Bimetall oder bei neueren Geräten eine Elektronik, bildet die Erwärmung des Motors nach. Fließt längere Zeit zu viel Strom, schaltet er ab. Dieser Auslöser ist einstellbar – das ist das Einstellrad auf der Front.
  • Kurzschlussschutz: Ein elektromagnetischer Auslöser reagiert ohne Verzögerung auf sehr hohe Ströme. Sein Ansprechwert ist bei den meisten Geräten fest eingestellt und liegt bei einem Vielfachen des oberen Einstellwerts. Den genauen Wert finden Sie im Datenblatt.

Viele Geräte erkennen zusätzlich einen Phasenausfall und lösen dann früher aus, weil der Motor auf zwei Phasen schnell überhitzt. Außerdem dient der Motorschutzschalter als Hauptschalter für den Abgang: Er lässt sich von Hand ein- und ausschalten und zeigt eine Auslösung an.

Die einschlägigen Produktnormen sind DIN EN 60947-2 für Leistungsschalter und DIN EN 60947-4-1 für Motorstarter und den Überlastschutz.

Der Grundsatz: Einstellwert gleich Motorbemessungsstrom

Im Normalfall stellen Sie den Motorschutzschalter auf den Bemessungsstrom des Motors ein. Dieser Wert steht auf dem Typenschild und gilt für die Spannung und Schaltung, mit der der Motor tatsächlich betrieben wird.

Der Motorschutzschalter muss so gewählt sein, dass dieser Strom innerhalb seines Einstellbereichs liegt, im Idealfall eher in der Mitte als am äußersten Rand. Ein Gerät mit dem Bereich 9–12,5 A passt zum Beispiel gut zu einem Motor mit 11 A.

Schritt für Schritt: den richtigen Wert finden

Schritt 1: Anlage freischalten und sichern

Schalten Sie den Abgang frei, sichern Sie ihn gegen Wiedereinschalten und stellen Sie die Spannungsfreiheit fest. Das Einstellrad lässt sich bei vielen Geräten zwar auch im Betrieb verstellen, die Kontrolle der Verdrahtung und der Klemmen aber nicht.

Schritt 2: Typenschild des Motors lesen

Auf dem Typenschild finden Sie meist zwei Spannungen und zwei Ströme, zum Beispiel:

400/690 V Δ/Y – 14,5/8,4 A – 7,5 kW – 50 Hz

Das bedeutet: An 400 V wird der Motor im Dreieck (Δ) betrieben und nimmt dann 14,5 A auf. An 690 V wird er im Stern (Y) betrieben und nimmt 8,4 A auf. Bei einem Motor mit der Angabe 230/400 V Δ/Y gilt am üblichen 400-V-Netz die Sternschaltung und damit der kleinere Strom.

Schritt 3: Schaltung im Klemmenkasten prüfen

Kontrollieren Sie, wie die Brücken im Klemmenkasten gesetzt sind. Drei Brücken senkrecht bedeuten Dreieck, eine Brücke quer über drei Klemmen bedeutet Stern. Erst dann wissen Sie sicher, welcher Strom vom Typenschild gilt.

Schritt 4: Einstellrad auf den Bemessungsstrom drehen

Stellen Sie den Wert aus Schritt 2 ein, im Beispiel 14,5 A. Liegt der Wert zwischen zwei Markierungen, stellen Sie möglichst genau dazwischen ein. Runden Sie nicht großzügig nach oben.

Schritt 5: Funktion prüfen

Viele Geräte haben eine Prüfmöglichkeit für die Auslösung, etwa eine Taste oder einen Schlitz für einen Schraubendreher. Prüfen Sie damit, ob der Schalter mechanisch auslöst und sich wieder einschalten lässt.

Schritt 6: Strom im Betrieb messen

Messen Sie nach dem Einschalten mit einer Strommesszange in allen drei Phasen. Bei normaler Last sollte der Strom unter dem Bemessungsstrom liegen und in allen Phasen ähnlich sein. Deutliche Unterschiede zwischen den Phasen deuten auf ein Problem im Netz, an den Klemmen oder in der Wicklung hin.

Schritt 7: Einstellung dokumentieren

Notieren Sie den eingestellten Wert im Schaltplan oder auf einem Aufkleber am Gerät. So erkennt der nächste Kollege sofort, ob jemand nachträglich verstellt hat.

Sonderfälle, die Sie kennen sollten

Stern-Dreieck-Anlauf

Hier kommt es darauf an, wo der Überlastschutz sitzt. Liegt der Motorschutzschalter in der Zuleitung vor der Stern-Dreieck-Kombination, fließt durch ihn der volle Netzstrom: Einstellwert ist der Bemessungsstrom. Sitzt ein Überlastrelais in den Strangleitungen hinter dem Netzschütz, fließt dort nur der Strangstrom: Einstellwert ist dann das 0,58-Fache des Bemessungsstroms, also der Bemessungsstrom geteilt durch √3.

Fiktives Rechenbeispiel: Motor mit 14,5 A im Dreieck. Überlastrelais in der Strangleitung: 14,5 A × 0,58 ≈ 8,4 A.

Motor am Frequenzumrichter

Ein Motorschutzschalter vor einem Frequenzumrichter schützt die Zuleitung und den Umrichter, aber nicht zuverlässig den Motor. Der Strom auf der Netzseite entspricht nicht dem Motorstrom. Den Motorschutz übernimmt in diesem Fall der Umrichter selbst, über seine Strombegrenzung, ein thermisches Motormodell oder einen Kaltleiter in der Wicklung. Beachten Sie hier die Vorgaben des Umrichterherstellers.

Schwerer Anlauf

Lüfter mit großen Schwungmassen, Zentrifugen oder Mühlen brauchen lange, bis sie ihre Drehzahl erreichen. Ein Motorschutzschalter mit Auslöseklasse CLASS 10 kann dabei auslösen, obwohl der Motor in Ordnung ist. Die Auslöseklasse nach DIN EN 60947-4-1 gibt an, in welcher Zeit der Schutz beim 7,2-Fachen des Einstellstroms aus dem kalten Zustand spätestens auslöst:

Auslöseklasse Auslösezeit bei 7,2 × Einstellstrom Typischer Einsatz
CLASS 10A 2 bis 10 s leichter Anlauf
CLASS 10 4 bis 10 s Normalanlauf, häufigster Fall
CLASS 20 6 bis 20 s Schweranlauf
CLASS 30 9 bis 30 s sehr schwerer Anlauf

Die Lösung ist dann ein Gerät mit passender Auslöseklasse – nicht ein höher eingestellter Strom. Prüfen Sie aber, ob der Motor selbst für den langen Anlauf ausgelegt ist.

Einphasige Motoren und Gleichstrom

Dreipolige Motorschutzschalter können oft auch einphasige Verbraucher schützen. Dazu werden alle drei Strombahnen nach Herstellervorgabe in Reihe geschaltet, damit die Phasenausfallerkennung nicht anspricht. Ob das Gerät dafür und für Gleichstrom zugelassen ist, steht im Datenblatt.

Er löst immer wieder aus – was nun?

Wenn ein korrekt eingestellter Motorschutzschalter wiederholt auslöst, macht er genau seine Arbeit. Er meldet ein Problem. Suchen Sie die Ursache, statt den Wert hochzudrehen:

  • Mechanische Überlast: schwergängige Lager, blockierte Pumpe, verstopfter Filter, zu straff gespannter Riemen
  • Phasenausfall oder Unsymmetrie: lose Klemme, defekte Sicherung, abgebrannter Schützkontakt
  • Zu hohe Umgebungstemperatur: überhitzter Schaltschrank, defekter Lüfter, Geräte zu dicht aneinander montiert
  • Zu häufiges Schalten: Jeder Anlauf erwärmt Motor und Bimetall. Viele Starts kurz hintereinander führen zur Auslösung.
  • Wicklungsschaden: Ein Windungsschluss erhöht den Strom. Eine Isolationsmessung bei abgeklemmtem Motor schafft Klarheit.
  • Gerät gealtert: Auch Motorschutzschalter verschleißen. Ein Gerät, das nach vielen Kurzschlussauslösungen ungewöhnlich früh abschaltet, gehört getauscht.

Ein schleichender Lagerschaden ist übrigens eine häufig unterschätzte Ursache für steigende Stromaufnahme. Mehr dazu im Artikel 7 Anzeichen für einen Lagerschaden.

Typische Fehler beim Einstellen

  1. Wert nach Auslösung hochdrehen: Der Motor ist danach ungeschützt. Eine Überlast zerstört die Wicklung, ohne dass der Schalter eingreift.
  2. Falsche Spalte vom Typenschild: Bei Δ/Y-Motoren wird der Strom der falschen Schaltung abgelesen.
  3. Katalogwert statt Typenschild: Motoren gleicher Leistung haben je nach Hersteller, Polzahl und Effizienzklasse unterschiedliche Ströme.
  4. Gerät am Bereichsende: Ein Motorschutzschalter, der am oberen Anschlag eingestellt ist, ist meist zu klein gewählt.
  5. Keine Dokumentation: Niemand weiß später, welcher Wert richtig war.

Was Sie beim Ersatz angeben sollten

Muss ein Motorschutzschalter getauscht werden, sorgen diese Angaben für ein passendes Gerät:

  • Hersteller und vollständige Bestellnummer des alten Geräts
  • Einstellbereich, zum Beispiel 10–16 A
  • Kurzschlussausschaltvermögen, falls angegeben
  • Auslöseklasse, falls nicht CLASS 10
  • Anbauteile: Hilfsschalter, Meldeschalter, Unterspannungs- oder Arbeitsstromauslöser, Drehantrieb in der Schranktür
  • Baugröße und Befestigung, Anschlusstechnik
  • Typenschilddaten des Motors: Leistung, Spannung, Strom, Schaltung

Viele Abgänge bestehen aus Motorschutzschalter und Schütz. Was ein Schütz von einem Relais unterscheidet und worauf Sie dabei achten müssen, erklärt unser Beitrag Schütz und Relais.

So unterstützen wir Sie

In älteren Schaltanlagen sind oft Motorschutzschalter verbaut, deren Baureihe der Hersteller nicht mehr anbietet. Dann wird es wichtig, ein Gerät mit gleichem Einstellbereich, passender Baugröße und kompatiblem Zubehör zu finden. KTB Europe ist ein Familienunternehmen aus Hamburg und beschafft seit 1976 Ersatzteile aller Marken weltweit. Senden Sie uns die Bestellnummer, ein Foto des Typenschilds oder eine Beschreibung. Ist das Original abgekündigt, suchen wir nach einer technisch passenden Alternative.

Mehr dazu auf unseren Seiten zur MRO-Beschaffung und zu abgekündigten Teilen. Ihre Anfrage stellen Sie über die Kontaktseite.

Fazit

Den Motorschutzschalter richtig einzustellen ist keine Kunst: Bemessungsstrom vom Typenschild ablesen, Schaltung prüfen, Wert einstellen, im Betrieb nachmessen und dokumentieren. Sonderfälle wie Stern-Dreieck-Anlauf, Frequenzumrichter oder Schweranlauf brauchen etwas mehr Aufmerksamkeit. Und wenn der Schalter wiederholt auslöst, ist das ein Hinweis auf ein Problem – kein Grund, den Wert hochzudrehen.

Häufige Fragen

Auf welchen Wert stelle ich einen Motorschutzschalter ein?

Im Normalfall auf den Bemessungsstrom des Motors vom Typenschild, und zwar für die Spannung und Schaltung, mit der der Motor tatsächlich läuft. Bei einem Motor mit 400/690 V Δ/Y am 400-V-Netz gilt der Strom für die Dreieckschaltung. Sonderfälle wie Überlastrelais in den Strangleitungen beim Stern-Dreieck-Anlauf haben eigene Regeln.

Darf man den Motorschutzschalter höher einstellen als den Nennstrom?

Nein, das sollten Sie nicht tun. Ein höherer Wert schaltet zwar seltener ab, der Motor ist dann aber bei Überlast nicht mehr geschützt. Häufige Auslösungen deuten auf eine Ursache wie mechanische Überlast, Phasenausfall oder zu hohe Umgebungstemperatur hin.

Wie stellt man den Überlastschutz bei Stern-Dreieck-Anlauf ein?

Sitzt der Motorschutzschalter in der Zuleitung vor der Stern-Dreieck-Kombination, wird er auf den vollen Bemessungsstrom eingestellt. Sitzt ein Überlastrelais in den Strangleitungen hinter dem Netzschütz, wird es auf das 0,58-Fache des Bemessungsstroms eingestellt. Maßgeblich ist der Schaltplan der Anlage.

Braucht ein Motor am Frequenzumrichter einen Motorschutzschalter?

Ein Motorschutzschalter vor dem Umrichter schützt Zuleitung und Umrichter, aber nicht zuverlässig den Motor. Den Motorschutz übernimmt meist der Umrichter selbst, über Strombegrenzung, ein thermisches Motormodell oder einen Kaltleiter in der Wicklung. Die Vorgaben des Umrichterherstellers sind zu beachten.

Was bedeutet CLASS 10 bei einem Motorschutzschalter?

Die Auslöseklasse nach DIN EN 60947-4-1 legt fest, wie schnell der Überlastschutz beim 7,2-Fachen des Einstellstroms aus dem kalten Zustand auslöst. Bei CLASS 10 liegt diese Zeit zwischen 4 und 10 Sekunden. Für Schweranlauf gibt es Geräte mit CLASS 20 oder CLASS 30.

MD

Über den Autor

Mica Duarte

Senior Procurement Specialist bei KTB Europe mit über 15 Jahren Erfahrung in globalem MRO-Sourcing und Supply-Chain-Management.

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