Schachbrett auf einem Bürotisch, auf dem einige Figuren durch Kugellager und Muttern ersetzt sind

Strategischer Einkauf: 7 Denkfehler, die bei Ersatzteilen Geld kosten

6 Min. Lesezeit

Der strategische Einkauf hat in vielen Unternehmen einen festen Platz. Für Stahl, Kunststoffgranulat oder Elektronikbauteile gibt es Warengruppenstrategien, Marktanalysen und Lieferantenportfolios. Für Ersatzteile gibt es oft nur eines: die Gewohnheit. Man bestellt beim Hersteller oder bei dem Händler, den die Instandhaltung schon immer kennt.

Dabei steckt im MRO-Bereich mehr strategisches Potenzial, als viele denken. Der Weg dorthin führt über sieben Denkfehler, die sich in vielen Einkaufsabteilungen halten.

Strategischer Einkauf in einem Satz

Strategischer Einkauf legt fest, wie ein Unternehmen eine Warengruppe langfristig beschafft: mit welchen Lieferanten, zu welchen Bedingungen, mit welchem Risiko und mit welchem Ziel. Der operative Einkauf setzt diese Strategie dann in konkreten Bestellungen um.

Ein bewährtes Werkzeug ist die Portfolio-Matrix nach Kraljic. Sie ordnet Warengruppen nach zwei Kriterien: Einfluss auf das Ergebnis und Versorgungsrisiko. Daraus entstehen vier Felder.

Feld Ergebniseinfluss Versorgungsrisiko Typische MRO-Beispiele
Unkritische Artikel gering gering Normteile, Verbrauchsmaterial
Hebelartikel hoch gering Standardlager, Schmierstoffe in großen Mengen
Engpassartikel gering hoch Spezialersatzteile, abgekündigte Komponenten
Strategische Artikel hoch hoch Großkomponenten wie Getriebe, Walzen, Antriebe

Auffällig ist: Viele Ersatzteile landen im Feld der Engpassartikel. Ihr Wert ist gering, ihr Ausfallrisiko hoch. Genau dieses Feld wird im strategischen Einkauf aber oft vernachlässigt, weil die Summen klein erscheinen.

Denkfehler 1: „Ersatzteile sind ein operatives Thema.“

Ersatzteile werden bestellt, wenn etwas kaputt ist. Also, so die Logik, sind sie Sache der Instandhaltung und des operativen Einkaufs. Strategisch gibt es nichts zu tun.

Das stimmt nicht. Wer seine Ersatzteile nie strategisch betrachtet, hat am Ende eine lange Lieferantenliste, unklare Konditionen und keine Antwort auf die Frage, was passiert, wenn ein kritisches Teil fehlt. Eine MRO-Strategie muss nicht kompliziert sein. Aber es sollte sie geben.

Denkfehler 2: „Der beste Preis ist das Ziel.“

Im Direkteinkauf ist der Preis eine zentrale Kennzahl. Bei Ersatzteilen ist er eine von vielen. Wichtiger sind oft:

  • die Verfügbarkeit im Ernstfall,
  • die Prozesskosten pro Bestellung,
  • die Qualität und Echtheit der Ware,
  • und die Kosten eines Stillstands, wenn das Teil fehlt.

Eine Strategie, die nur auf den Preis schaut, optimiert die kleinste Kostenposition und ignoriert die größte.

Bei Ersatzteilen kauft der strategische Einkauf keinen Artikel. Er kauft Verfügbarkeit.

Denkfehler 3: „Der Hersteller ist die einzige Quelle.“

Viele Einkäufer gehen davon aus, dass ein Ersatzteil nur beim Maschinenhersteller zu bekommen ist. Für echte Sonderteile mag das zutreffen. Aber ein großer Teil der Komponenten in einer Maschine stammt von Zulieferern: Motoren, Lager, Ventile, Sensoren, Steuerungsbaugruppen. Diese Teile sind oft auch direkt am Markt erhältlich, manchmal schneller, manchmal günstiger.

Eine Strategie, die das berücksichtigt, unterscheidet zwischen maschinenspezifischen Teilen und Zukaufkomponenten und wählt für beide den passenden Bezugsweg.

Denkfehler 4: „Bündeln heißt, Hersteller zu streichen.“

Lieferantenbündelung ist ein klassisches Ziel des strategischen Einkaufs. Bei Direktmaterial heißt das oft: weniger Hersteller, höhere Volumen pro Hersteller. Bei Ersatzteilen funktioniert das nicht. Die Hersteller sind durch die Anlagen vorgegeben. Sie können nicht entscheiden, künftig nur noch Lager eines Herstellers einzubauen, wenn die Maschinen anders konstruiert sind.

Bündeln lässt sich dagegen die Schnittstelle. Ein herstellerübergreifender Beschaffungspartner fasst viele Hersteller hinter einem Ansprechpartner zusammen. Die Vielfalt der Teile bleibt, die Vielfalt der Lieferanten auf Ihrer Seite sinkt.

Denkfehler 5: „MRO-Bedarf ist nicht planbar.“

Natürlich lässt sich ein Ausfall nicht vorhersagen. Aber ein großer Teil des MRO-Bedarfs ist sehr wohl planbar:

  • Verschleißteile mit bekannten Wechselintervallen
  • Material für geplante Wartungsstillstände
  • Ersatzteile für Anlagenmodernisierungen
  • Last-Time-Buys für abgekündigte Komponenten

Wer diesen planbaren Teil aus der Masse herauslöst, kann ihn wie Direktmaterial behandeln: mit Rahmenverträgen, Abrufen und Verhandlungen. Für den ungeplanten Rest braucht es dann schnelle, verlässliche Wege.

Denkfehler 6: „Global Sourcing heißt, billig in Asien kaufen.“

Global Sourcing wird oft mit Kostensenkung durch Niedriglohnländer gleichgesetzt. Bei Ersatzteilen geht es um etwas anderes: Verfügbarkeit. Ein Teil, das in Europa ausverkauft ist, liegt vielleicht bei einem Händler in Amerika. Eine Komponente, die der europäische Vertrieb mit langer Lieferzeit anbietet, ist in Asien eventuell früher zu bekommen. Und Werke in Lateinamerika brauchen oft europäische Teile, die lokal niemand führt.

Globale Beschaffung bei MRO bedeutet also: Wissen, wo welches Teil zu welchen Bedingungen verfügbar ist. Und die Fähigkeit, es von dort sicher zu beschaffen.

Denkfehler 7: „Das Risiko liegt beim Lieferanten.“

Strategischer Einkauf bewertet Lieferantenrisiken: Finanzkraft, Abhängigkeit, Länderrisiko. Bei Ersatzteilen liegt ein großer Teil des Risikos aber woanders:

  • in fehlenden oder falschen Stammdaten,
  • in nicht erkannten Abkündigungen,
  • in unklaren Zuständigkeiten zwischen Einkauf und Instandhaltung,
  • in Ersatzteillagern, deren Inhalt niemand genau kennt.

Diese Risiken liegen im eigenen Haus. Ein strategischer Einkauf, der nur auf die Lieferanten schaut, übersieht sie.

Wie eine MRO-Strategie aussehen kann

Eine Ersatzteilstrategie muss kein dickes Dokument sein. Fünf Bausteine reichen für den Anfang:

  1. Segmentierung: Ordnen Sie Ihre Ersatzteile in die vier Felder der Portfolio-Matrix ein. Nehmen Sie die Instandhaltung dazu.
  2. Bezugswege je Feld: Kataloge für unkritische Artikel, Rahmenverträge für Hebelartikel, abgesicherte Mehrfachwege für Engpassartikel, enge Partnerschaften für strategische Artikel.
  3. Lieferantenportfolio: Legen Sie fest, welche Partner welche Rolle spielen. Ein herstellerübergreifender Partner kann viele Engpass- und unkritische Artikel abdecken.
  4. Daten: Machen Sie Stammdatenqualität zum Ziel, nicht zur Nebensache.
  5. Kennzahlen: Messen Sie Verfügbarkeit, Prozesskosten und Stillstände, nicht nur Einkaufspreise.

Einkauf und Instandhaltung: ein Team

Die beste Strategie scheitert, wenn Einkauf und Instandhaltung gegeneinander arbeiten. Der Einkauf sieht Kosten, die Instandhaltung sieht Risiken. Beide Sichten sind richtig. Eine gemeinsame MRO-Strategie zwingt beide an einen Tisch und schafft ein Verständnis, das im Alltag viele Konflikte vermeidet. Ein praktischer Anfang ist eine gemeinsame Sitzung im Quartal, in der die wichtigsten Ausfälle, Engpässe und Lieferantenerfahrungen besprochen werden.

Die ersten 90 Tage

Wer eine MRO-Strategie aufbauen will, muss nicht mit einem Großprojekt beginnen. Ein realistischer Einstieg in drei Monaten: Im ersten Monat werten Sie die Bestellungen des Vorjahres aus und segmentieren die wichtigsten Ersatzteilgruppen gemeinsam mit der Instandhaltung. Im zweiten Monat definieren Sie für jedes Segment Bezugswege und sprechen mit den wichtigsten Lieferanten. Im dritten Monat legen Sie Kennzahlen fest und starten mit einem Pilotbereich. Danach haben Sie keine perfekte Strategie, aber eine belastbare Grundlage, die Sie Schritt für Schritt erweitern können.

Typisches Szenario: der neue Einkaufsleiter

Ein neuer Einkaufsleiter möchte schnell Erfolge zeigen. Er nimmt sich die Ersatzteile vor, weil dort viele Lieferanten und wenig Steuerung zu sehen sind. Er verordnet: Ab sofort nur noch drei Angebote pro Bestellung und Freigabe durch den Einkauf. Nach wenigen Wochen beschwert sich die Instandhaltung. Eilbestellungen dauern länger, Spezialteile werden beim falschen Händler bestellt, ein Stillstand verlängert sich um einen Tag.

Die Absicht war richtig, das Werkzeug falsch. Ein Prozess, der für Hebelartikel passt, bremst bei Engpassartikeln. Hätte er zuerst segmentiert, hätte er für jedes Feld eigene Regeln aufgestellt und die Instandhaltung als Verbündeten gewonnen.

Wo KTB ins Bild passt

KTB Europe ist seit 1976 als Beschaffungspartner für Industriekunden tätig. In einer MRO-Strategie übernehmen wir typischerweise die Rolle des herstellerübergreifenden Partners: für Ersatzteile vieler Hersteller, für schwer beschaffbare und abgekündigte Teile, für Werke in verschiedenen Ländern. Unser Ziel ist, durch optimierte Beschaffungsstrategien Kosten zu senken, ohne die Verfügbarkeit zu gefährden.

Mehr dazu auf unseren Seiten zur Kostenoptimierung und zur Beschaffung.

Fazit

Strategischer Einkauf endet nicht beim Direktmaterial. Gerade bei Ersatzteilen, wo kleine Werte große Risiken tragen, lohnt sich ein strategischer Blick. Wer die sieben Denkfehler kennt, kann sie vermeiden und aus Gewohnheit eine Strategie machen.

Sie möchten Ihre MRO-Strategie mit einem erfahrenen Partner besprechen? Schreiben Sie uns über die Kontaktseite.

Häufige Fragen

Was ist strategischer Einkauf?

Strategischer Einkauf legt fest, wie ein Unternehmen seine Warengruppen langfristig beschafft. Dazu gehören Marktanalysen, Lieferantenauswahl, Vertragsgestaltung, Risikobewertung und Zielsetzungen für Kosten und Versorgungssicherheit. Der operative Einkauf setzt diese Vorgaben in konkreten Bestellungen um. Strategischer Einkauf denkt in Jahren, operativer Einkauf in Tagen und Wochen.

Was ist der Unterschied zwischen strategischem und operativem Einkauf?

Der strategische Einkauf entwickelt Warengruppenstrategien, wählt Lieferanten aus, verhandelt Rahmenverträge und bewertet Risiken. Der operative Einkauf bestellt auf dieser Grundlage, verfolgt Liefertermine und klärt Abweichungen. Beide sind auf einander angewiesen. Bei Ersatzteilen fehlt oft die strategische Ebene, sodass der operative Einkauf ohne klare Vorgaben arbeitet.

Was ist die Kraljic-Matrix?

Die Kraljic-Matrix ist ein Portfolio-Werkzeug des strategischen Einkaufs. Sie ordnet Warengruppen nach Ergebniseinfluss und Versorgungsrisiko in vier Felder: unkritische Artikel, Hebelartikel, Engpassartikel und strategische Artikel. Für jedes Feld gelten andere Beschaffungsstrategien. Viele Ersatzteile fallen in das Feld der Engpassartikel, also geringer Wert bei hohem Risiko.

Wie entwickelt man eine Strategie für Ersatzteile?

Segmentieren Sie Ihre Ersatzteile gemeinsam mit der Instandhaltung nach Wert und Versorgungsrisiko. Legen Sie für jedes Segment passende Bezugswege fest, etwa Kataloge, Rahmenverträge oder abgesicherte Mehrfachwege. Definieren Sie die Rolle Ihrer Lieferanten, verbessern Sie die Stammdaten und messen Sie Verfügbarkeit, Prozesskosten und Stillstände statt nur Preise.

MD

Über den Autor

Mica Duarte

Senior Procurement Specialist bei KTB Europe mit über 15 Jahren Erfahrung in globalem MRO-Sourcing und Supply-Chain-Management.

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